Die Bühne als Denkraum

Bertolt Brechts "Leben des Galilei" als Begegnung mit der Gegenwart
Regisseur Tim Egloff und Dramaturgin Barbara Bily im Gespräch über Leben des Galilei.


„Wer die Wahrheit nicht weiß, der ist bloß ein Dummkopf. Aber wer sie weiß und sie eine Lüge nennt, der ist ein Verbrecher!“

Barbara Bily (BB): Das zu Anfang genannte Zitat scheint mir einer der zentralen Sätze in Brechts Stück Leben des Galilei. Die Hauptfigur Galileo Galilei sagt ihn, jedoch zu einem Zeitpunkt im Stück, an dem ihm noch nicht klar ist, welche Strafe ihm droht, wenn er an seinen Forschungsergebnissen festhält. Wie erzählst du diese (historische) Figur?

Tim Egloff (TE): Ich möchte Galilei aus unserer aktuellen Lebensrealität erzählen und seinen Kampf, seine Konflikte konsequent aus dem Heute heraus befragen. Inhaltlich und textlich bleiben wir natürlich beim Original, aber die Mechanik, die in der Auseinandersetzung zwischen Galilei, dem Forschenden, dem Wahrheitssuchenden und der herrschenden Klasse zutage tritt, ist universell und begegnet uns gerade in diesen politisch so hitzigen Tagen permanent. Das Zitat macht es deutlich. Heute scheinen wir uns in einer Flut verschiedener Wahrheiten zu befinden. Wer hat die Deutungshoheit? Bestimmen Autoritäten die Wahrheit? Und können sich sogenannte faktische Wahrheiten behaupten, auch wenn es politisch nicht gewollt ist? Galilei steckt mit seiner Profession, mit seinem ganzen Wirken mitten in diesen Auseinandersetzungen. Insofern ist er in meinen Augen ein hochmoderner, politischer Mensch, der konsequent für seine Überzeugungen eintritt. Und: ein Mensch mit Schwächen.
Toomas Täht (Galileo Galilei). Foto: Nik Schölzel
BB: Bertolt Brecht hat an diesem Stück sein Leben lang gearbeitet – er starb während der Proben 1956. Bereits 1938 schrieb er die erste Fassung im dänischen Exil als Reaktion auf die Nachricht von der ersten Spaltung von Uranatomkernen. Die zweite Fassung entstand in Amerika 1947. Die dritte 1956. Brecht reagierte bei jeder der Fassungen auf die weltpolitische Lage: die Abwürfe der Atombomben, die Verteidigungsschrift Oppenheimers und die Remilitarisierung der BRD. Letztendlich stellt Brecht mit diesem Stück die Frage nach der Verantwortung jedes einzelnen Menschen in einer Gesellschaft und legt Machtsysteme offen. Diese Frage beschäftigt uns dauerhaft und jetzt in besonderer Brisanz. Wir erzählen den Stoff nicht in einem historischen Setting mit Kostümen aus dem 17. Jahrhundert. Für welche Ästhetik hast du dich mit deinem Team entschieden?

TE: Ja, die Kaltschnäuzigkeit, mit der Galileis beweisbare Entdeckungen abgewiesen und für unwahr erklärt werden, erinnert schon stark an den Umgang heutiger populistischer Kräfte mit Wahrheit, Lüge und Behauptung. Auch deshalb wollten wir von Anfang an ein Setting, das sozusagen über der Zeit steht. Der historische Kontext ist aufgrund von Galileis Forschungen und der damaligen politischen Umstände so präsent, dass wir die Geschichte unbedingt nahbarer bekommen wollten. Wir arbeiten mit sehr ästhetischen, konzentrierten Grundkostümen und entwickeln diese im Laufe des Stückes weiter. Es sind eine Menge wirklich großartiger Kostüme dabei! Wir spielen mit historischen und religiösen Motiven, zum Teil sehr extravagant und abgedreht, aber immer im Sinn der Handlung – konsequent aus dem Heute betrachtet und weitergedacht. Der Bühnenraum ist abstrakt, fast futuristisch, Licht wird eine große Rolle spielen! Wir vermessen die Bühnenwelt.

BB: Für Brecht sollte die Bühne immer ein Denkraum sein. Er vermied die Mittel des „kulinarischen Theaters“, das für ihn der „Zweig des bourgeoisen Rauschgifthandels“ ist. Trotzdem hat er auch Stücke wie Die Dreigroschenoper geschrieben – für ihn selbst ein abendfüllendes unterhaltendes Stück. Den Galilei empfindet er selbst als Rückschritt in Bezug auf seine entwickelte Theaterästhetik. Wie gehst du damit um? Wird es sehr „brechtsch“ bzw. planetarisch-dokumentarisch werden oder folgst du dem Weg des Autors in die Kulinarik?

TE: Ich habe von Beginn der Arbeit an versucht, mich möglichst frei von gerne diskutierten Brecht-Kategorien zu machen und uns alle zu animieren, sich unbefangen in die Inhalte zu graben, auch die Probebühne als Denkraum zu verstehen. Kulinarisch im Sinne von intensivem Schauspielertheater kann ich klar bestätigen. Der Text ist sehr diskursiv, die Konflikte sind irrsinnig spannend, aber auch sehr fordernd. Emotionale Anbindung an die Figuren, persönliche Entwicklung durch den langen Zeitraum der Handlung, Identifikation mit den unterschiedlichen Positionen hilft uns, die Dimension der Handlung zu erfassen – auf Gefühlsebene genauso wie intellektuell. Dieser Spagat ist großartig und herausfordernd; und Teil der besonderen Qualität dieses Stückes.

ZUM STÜCK
Trotz eigener Zweifel lehrt der italienische Mathematiker und Physiker Galileo Galilei über Jahre in Italien das geozentrische ptolemäische Weltbild, nach dem die Erde – und damit der Mensch – im Mittelpunkt des Universums steht und die Himmelskörper sich auf Kreisbahnen mit konstanter Geschwindigkeit um die Erde bewegen. Doch dann entdeckt Galilei mit Hilfe eines Fernrohrs, dass es neben der Erde noch viele weitere Planeten gibt, die sich entgegen der kirchlichen Lehre um die Sonne bewegen. Galileis Entdeckung stößt bei den Anhängern der Kirche auf Unglauben und Ablehnung. Er scheitert mit seinem Wissen, scheitert mit dem Fortschritt, mit der Wahrheit. 1616 verbietet die Inquisition schließlich das heliozentrische kopernikanische Weltbild, für das Galilei den Beweis gefunden hatte. Für ihn bedeutet das fortan ein Leben und Arbeiten als Gefangener der Inquisition bis zu seinem Tod.

WEITERE VORSTELLUNGEN
Freitag, 28.03.2025 | 19:30 Uhr
Dienstag, 8.4.25 | 19:30 Uhr
Sonntag, 27.4.25 | 18:00 Uhr
Mittwoch, 30.4.25 | 19:30 Uhr
Samstag, 10.5.25 | 19:30 Uhr
Samstag, 24.5.25 | 19:30 Uhr
Mittwoch, 25.6.25 | 19:30 Uhr

Veranstaltungsort: Kleines Haus

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